Thomas Schweitzer: Was  andere über seine Musik schrieben 

Thomas Schweitzers Solo-Konzert in der Capella Hospitalis

NW Bielefeld

Saxophonist liefert beeindruckenden Auftritt ab

Rainer Schmidt

11.01.2016 | Stand 11.01.2016, 06:48 Uhr

Eindringliches Konzert: Thomas Schweitzer. - © Rainer Schmidt

Gut gefüllt mit den Freunden der Improvisationsmusik Bielefelds und der näheren Umgebung hat sich das Kirchenschiff der Capella Hospitalis. Zuhören wollen sie den solo vorgetragenen Kompositionen und Improvisationen eines seit Jahrzehnten über die Jazzszene hinaus umtriebigen Musikers.

Auf Basis der von Lebensfreude und Zorn gespeisten befreiten Artikulation amerikanischer Vorbilder, etwa Roscoe Mitchell, aus den Reihen des Chicagoer AACM, hat Thomas Schweitzer auf dem Altsaxophon seinen eigenen Ausdruck entwickelt. Kompaktes Powerplay auf den Spuren von Legenden wie Albert Ayler hat der Bielefelder Bläser und Instrumentalpädagoge immer in gemischten Gruppen ausgelebt, aktuell mit dem Jazzquartett „Hotel am Pluto". Sein Soloauftritt im „Raum der Stille" unter dem Motto „und Atems blaue Zungen, wie redeten sie mir" spürt auch den Erfahrungen nach, die Schweitzer als solistischer Begleiter von Ausstellungseröffnungen und Autorenlesungen gemacht hat, wobei der Musiker gern mit dem Klang seines Instrument auf getextete und visuelle Aussagen und Stimmungen reagiert.

Aus der Tiefe eines sonoren, von bis in die hinteren Publikumsreihen vernehmbarem Anblasgeräusch begleiteten Tons entwickelt Schweitzer in seinen Kompositionen, die nach unvorhersehbaren Muster ineinander übergehen und improvisatorisch ergänzt werden, eindringliche Melodiefolgen, denen sich immer mehr Töne der chromatischen Palette hinzugesellen, die sich zu strahlend-expressiven, nun vom Grundrauschen entkleideten Ausrufen steigern können. In frei fließende Phrasen schleichen sich subtil Rhythmen ein und lösen sich wieder auf. Wilde Überblas- und verschrobene Dämpfertechniken, die Mehrstimmigkeit vorgaukeln sollen, nutzt der Saxophonist nicht.

Nur mit seinem Atem kann er dagegen Geschichten erzählen. So lässt er etwa zwei gequetscht angeblasene, eng beieinander liegende Töne einen Kampf ausfechten, ineinander gleiten und sich wieder entfernen. Es wirkt, als hätten sich irgendwo in den Tiefen des Horns zwei Hummeln verirrt. Wie von einem Bann befreit pustet der Instrumentalist anschließend kräftig durch.

 

 





Zur CD "dazwischen" von Pluto featuring Thomas Schweitzer schrieb

Jan Klare, 18.06.2014: 

Hotel am Pluto; Sun Ra; Hitchhiker’s Guide to the Galaxy; Albert Ayler; Decoding Society; Klänge, die nicht von diesem Planeten stammen; "Die Welt ist nicht genug“; dieser schnöde banale Alltag kann doch nicht alles gewesen sein.  

Dies sind meine Assoziationsketten, wenn ich den Namen der Bielefelder Band mit der Musik der vorliegenden CD zusammen bringe. 

Die Musik des Quartetts entspringt einer Generation  irgendwo in den 60er/ 70er Jahren, der es nicht “vergönnt“ war, sich durch üppigen Konsum von Markenartikeln in eine mentale Umlaufbahn zu beamen, um dem "Schland“ -Einerlei zu entkommen. Eine Generation, die in ihrer Pubertät noch nicht davon träumen konnte, im Kontext einer digitalen Revolution alle ihre Körperzellen als Information abzuspeichern, und dann einen Patchwork-Wunsch-Klon von sich zu erstellen - oder wie man sich sonst heutzutage die Utopie einer bedeutungsvolleren Welt vorstellen könnte. 

Ich höre hier Eskapismus der guten Art, ein ernst gemeintes Ringen um Schönheit der anderen Sorte, die sich einer direkten Verwertbarkeit entzieht. Diese Musik kann man nicht primär exotisch nennen, sie ist nicht vordergründig bunt und schillernd - es geht auch nicht darum plakativ revolutionär zu sein und doch steckt in der Musik etwas Auflehnendes. „Hotel am Puto“ formuliert keinen theoretischen gesellschaftlichen Gegenentwurf, sondern beschreibt eine Gefühlswelt, die sich über das uns Umgebende, offensichtlich Materialisierte , direkt Greifbare erhebt. Mir gefällt das.